Programmierer Mario beschreibt in seinem Video „Warum Millionen offline gehen (und wir schuld sind)” ein Phänomen, das wir alle kennen: Du willst „nur kurz” etwas nachschauen – und 30 Minuten später scrollst du immer noch. Du öffnest eine Website, um eine simple Information zu finden – und wirst erst mal von einem Cookie-Banner begrüßt, dann von einem Newsletter-Popup, und irgendwo dazwischen blinkt ein Chat-Widget.
Das Problem, sagt Mario, sind nicht die Nutzer. Das Problem sind wir – die Entwickler. Und er meint damit nicht nur Apps. Er meint das gesamte digitale Erlebnis, das wir Menschen täglich zumuten.
Going Analog: Kein Trend, sondern Notwehr
Immer mehr Menschen reduzieren bewusst ihre Bildschirmzeit. Sie löschen Apps, kaufen Dumbphones oder legen feste Offline-Zeiten fest. „Going Analog” nennt sich das Phänomen – und es wächst.
Was auf den ersten Blick nach Technikfeindlichkeit aussieht, ist in Wirklichkeit eine rationale Reaktion. Menschen gehen nicht offline, weil sie Technik ablehnen. Sie gehen offline, weil sie spüren, dass Technik sie manipuliert – und weil das Web zu einem Ort geworden ist, der sie mehr nervt als unterstützt.
Denk an die letzte Website, die du besucht hast. Wie viele Klicks hast du gebraucht, bevor du den eigentlichen Inhalt lesen konntest? Cookie-Banner akzeptieren, Newsletter-Popup wegklicken, Push-Benachrichtigungen ablehnen, Chat-Bot minimieren. Das sind keine Features, die dem Nutzer helfen. Das sind Features, die dem Betreiber helfen – auf Kosten des Nutzers.
Das Engagement-Problem: Wenn Nutzung zur Metrik wird
Die durchschnittliche private Bildschirmzeit in Deutschland liegt bei über sechs Stunden täglich. Sechs Stunden. Nicht weil die Inhalte so unfassbar gut sind – sondern weil Entwickler es so gebaut haben.
Infinite Scroll sorgt dafür, dass es keinen natürlichen Endpunkt gibt. Du scrollst weiter, weil dein Gehirn keinen Moment bekommt, in dem es „fertig” sagen kann.
Autoplay startet das nächste Video, bevor du überhaupt entscheiden kannst, ob du es sehen willst. Die Entscheidung wird dir abgenommen – absichtlich.
Dark Patterns machen es schwer, sich abzumelden, Benachrichtigungen auszuschalten oder ein Abo zu kündigen. Der Kündigungsbutton ist versteckt, der „Jetzt upgraden”-Button leuchtet in Neonfarben.
Und auf Websites? Da kommen Cookie-Banner hinzu, die „Alle akzeptieren” groß und bunt darstellen, während „Ablehnen” in grauer Schrift kaum lesbar ist. Pop-ups, die sich erst nach 3 Sekunden schließen lassen. Exit-Intent-Layer, die dich fragen, ob du wirklich gehen willst.
All das passiert nicht zufällig. Es ist das Ergebnis einer Branche, die „Engagement” als wichtigste Metrik definiert hat. Je länger ein Nutzer auf der Seite bleibt, desto erfolgreicher gilt das Produkt. Ob der Nutzer davon profitiert? Spielt keine Rolle.
Vertrauen ist die härteste Währung im Netz
Hier liegt der eigentliche Schaden: Jedes Dark Pattern, jede manipulative Benachrichtigung und jeder erzwungene Klick zerstören Vertrauen. Und Vertrauen ist im Internet die härteste Währung.
Wenn Menschen das Gefühl haben, dass Software und Websites sie ausnutzen statt ihnen zu helfen, passiert etwas Entscheidendes: Sie wenden sich ab. Nicht nur von einer einzelnen App – sondern vom digitalen Raum insgesamt.
Für jedes Unternehmen, das eine Website betreibt, sollte das ein Alarmsignal sein. Denn wenn Nutzer grundsätzlich misstrauisch gegenüber digitalen Produkten werden, trifft das alle – auch die, die es gut meinen.
Warum wir unsere eigene Seite komplett neu gebaut haben
Marios Video hat etwas ausgesprochen, das wir bei Creatives Berlin schon länger gespürt haben. Unsere alte WordPress-Seite war technisch solide – aber sie war Teil des Problems. Google Analytics trackend, Cookie-Banner nötig, Dutzende Plugins, die die Seite aufblähen und verlangsamen. Alles Dinge, die dem Betreiber dienen, aber dem Besucher im Weg stehen.
Deshalb haben wir unsere eigene Website von Grund auf mit Astro neu gebaut. Kein Tracking. Kein Cookie-Banner – weil es ohne Cookies auch keinen Banner braucht. Minimales JavaScript. Ladezeiten unter einer Sekunde. Keine Pop-ups, keine Exit-Intent-Layer, keine Newsletter-Nötigung.
Nicht weil wir gegen WordPress sind – wir entwickeln weiterhin WordPress-Websites für unsere Kunden. Sondern weil wir beweisen wollten, dass eine Agentur-Website auch ohne den ganzen Lärm funktioniert. Besser sogar.
Wenn ein Besucher auf unsere Seite kommt, soll er in drei Sekunden verstehen, was wir machen – nicht drei Sekunden damit verbringen, Overlays wegzuklicken.
Was Entwickler besser machen können
Mario nennt in seinem Video drei konkrete Ansätze, die wir als Entwickler und Designer sofort umsetzen können:
Anforderungen hinterfragen
Wenn der Auftraggeber sagt „Die Nutzer sollen möglichst lange auf der Seite bleiben”, ist die richtige Antwort nicht „Okay, ich baue Infinite Scroll ein.” Die richtige Antwort ist: „Warum? Was sollen sie dort tun? Und hilft es ihnen wirklich?”
Dasselbe gilt für „Wir brauchen einen Newsletter-Pop-up” oder „Lass uns Analytics einbauen”. Die Frage ist immer: Dient das dem Besucher – oder nur der eigenen Statistik?
Gute Entwicklung beginnt damit, die richtigen Fragen zu stellen – auch wenn die Antworten unbequem sind.
Von analoger Ruhe lernen
Ein Buch hat keine Push-Benachrichtigungen. Ein Notizbuch hat kein Infinite Scroll. Analoge Produkte funktionieren, weil sie Klarheit bieten statt Lärm.
Das ist kein Argument gegen digitale Produkte. Es ist ein Argument für digitale Produkte, die sich an analogen Qualitäten orientieren: klare Struktur, definierte Endpunkte, Respekt vor der Zeit des Nutzers. Eine Website sollte sich anfühlen wie ein gutes Werkzeug – nicht wie ein Labyrinth.
Selbst regelmäßig offline gehen
Wer ständig online ist, verliert das Gefühl dafür, wie sich manipulatives Design anfühlt. Marios Empfehlung: Regelmäßig bewusst offline gehen. Nicht als Strafe, sondern als Kalibrierung. Wer die Stille kennt, erkennt den Lärm.
Key Takeaways
- Going Analog ist keine Technikfeindlichkeit – es ist eine Reaktion auf manipulatives Software- und Webdesign
- Über 6 Stunden private Bildschirmzeit sind kein Zeichen von Begeisterung, sondern von suchterzeugendem Design
- Infinite Scroll, Autoplay, Dark Patterns und aggressive Cookie-Banner sind bewusste Entscheidungen – keine unvermeidbaren Features
- Vertrauen ist die härteste Währung im Internet – und manipulatives Design zerstört es systematisch
- Software und Websites sollten Menschen dienen, nicht sie fesseln. Weniger Tracking, weniger Pop-ups, mehr Respekt vor der Zeit der Nutzer
- Es geht auch ohne den ganzen Lärm – unsere eigene Seite ist der Beweis: kein Tracking, kein Cookie-Banner, schnell und klar
Das Originalvideo
Dieser Artikel basiert auf dem Video „Warum Millionen offline gehen (und wir schuld sind)” von Mario (Programmieren mit Mario). Absolut sehenswert für alle, die Software entwickeln, Websites bauen oder digitale Produkte beauftragen.
Wir bei Creatives Berlin entwickeln Websites, die Nutzern helfen statt sie festzuhalten. Keine Dark Patterns, keine Manipulation, kein Tracking – sondern klare Strukturen, schnelle Ladezeiten und Respekt vor der Zeit deiner Besucher. Wenn du eine Website willst, der Menschen vertrauen, sprich uns an.